Titel Die Reise mit leichtem Gepäck Vorwort Schon wieder irgend so ein Hanswurst, der es für nötig hält, ein Buch zu schreiben. Mögt Ihr denken. Da habt Ihr ja auch recht, aber ich gefalle mir durchaus in der Rolle des Hanswursts. Seht Ihr? Und schon bin ich wieder obenauf, aber das will ich eigentlich gar nicht sein. Das impliziert eine Überheblichkeit, die ich gar nicht gut finden will. Ich will keine Herren und keine Diener. Alles, was ich will, sind Menschen um mich herum und keine leeren Hülsen in Menschengestalt, die meinen, sie müssten einen Platz - möglichst weit oben - im Regal dieses grossen Tiergartens auf dem Planeten Erde besetzen. Denkt doch mal darüber nach: Wollt Ihr in diesem Regal sitzen und Euch selbst zur Bewegungsunfähigkeit verdammen? Oder wollt Ihr lieber frei umher rennen und Euch an der Natur erfreuen? Meine Wahl ist eindeutig: Ich beuge mich nicht der Hausordnung dieses Regals und springe lieber so frei herum. Und - ich gebe es zu - ich spreche gerne schon mal mit den Regalbewohnern, um ihnen vorzuschlagen, mich einmal zu begleiten. "Na, Jungs, habt Ihr mal Lust auf einen kleinen Ausflug? Auf dem 1523. Fach in der 5543. Abteilung steht eh Euer Name, was soll also schon passieren?" Wisst Ihr, überzeugte Regalbewohner sind nämlich sehr gesetzestreu (was grundsätzlich überhaupt nicht verwerflich ist), deswegen kann man sie sehr leicht davon überzeugen, dass ihr Abteil während ihrer Abwesenheit nicht erobert wird. Das stimmt allerdings nur für die unteren Regalreihen, weiter oben kommt es schon mal vor, dass gerade leer stehende Fächer kurzerhand von anderen besetzt werden, teilweise sogar welche, in denen sich die eigentlichen Bewohner zum Zeitpunkt der feindlichen Übernahme befinden. Aber das ist eine andere Geschichte, vielleicht gehe ich da noch einmal darauf ein, ich weiss allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ob ich darauf Lust habe. Verzeit mir das Abschweifen, jetzt komme ich wieder zurück zu meiner ursprünglichen Aussage. Und die ist sehr simpel: Wer sich gerne und viel bewegt, der darf kein unnötiges Gepäck mit sich herumschleifen Unnötig zu erwähnen, dass das Gepäck, das ich meine, nicht in Kilogramm zu messen ist. (Feedback zum Autor) Kapitel: Mein Freund und Kupferstecher, der Araber Ich habe einen guten Freund in München. Sein Name ist Wa-Gi Ibn Shim-el-Sheik. Ein ausgesprochen angenehmer Zeitgenosse. Aber offenbar ein wenig zu angenehm. Für mich natürlich nicht, aber für eingefleischte Regal-Verfechter. Es tut mir oft in der Seele weh, wenn er sich wieder im Establishment abstrampelt, um letzten Endes doch wegen seiner "zu weichen" Art (alles, was in in Anführungszeichen setze, ist Regal-Sprache und somit selbstverständlich nicht meine) sein Ziel nicht erreicht. Ich würde ihm so sehr wünschen, dass er sich von den Pissnelken, die ihm im Wege stehen und die nicht halb so viel auf dem Kasten haben wie er, sich die Tour nicht so vermasseln ließe. Aber das ist immer wieder die gleiche Geschichte. Hast Du ne wuchtige Gestalt und reisst das Maul weit auf, hast Du immer viel grössere Aussenwirksamkeit als ein hochintelligenter, zartgebauter Mann, der auch noch versucht, Frauen zu verstehen (wofür ohnehin ein Hochleistungsrechenzentrum im Oberstübchen vorhanden sein muss und selbst dann ist's noch sauschwierig). Ich geb ja zu, ich hab dicke Waden, bringe gut 90 kg auf die Waage und mein Mundwerk kann sich auch nicht über mangelnde Bewegung beklagen. Das heisst, ich bin genau der Typus, der eben meinem Freund Shim-el-Sheik - äusserlich betrachtet - im Weg stehen könnte. Aber ich tu's halt nicht. Weil ich erstens (wie ich eingangs schon erwähnte) keine Diener und keine Herren akzeptiere, sondern nur Mitmenschen und ausserdem mir der Wa-Gi von Jugendzeit an viel bedeutet. Darüber hinaus dürft Ihr Euch niemals von der äusseren Erscheinung eines Menschen täuschen lassen! Ihr müsst schon in die Seele des Menschen schauen, um herauszufinden, was in ihm steckt (oder - am Beispiel dieses Kapitels - was potentiell in Euch stecken könnte, Mädels ;o) ). Der Blick dafür will natürlich geschult sein, aber so schwierig ist's auch nicht. Jetzt komme ich wieder auf mein Thema: Habt Ihr zu viel Erwartungen und sonstige Ansprüche an Eure Mitmenschen im Rucksack, tut Euch und Eurer Seele das Kreuz von vorne herein weh. Lasst Euch einfach überraschen, das macht Spass und befähigt Euch, Euch auch über die kleinste positive Kleinigkeit, die Ihr an EUrem Gegenüber entdeckt, herzhaft zu lachen . Ich will hier nicht missionarisch sein, ich schreibe nur, was ich empfinde. Das müsst Ihr mir halt jetzt glauben oder nicht ... Absatz: Warum ist das so? Warum nur haben Leute, die lauter, stärker, frecher und schneller sind immer noch so grosse Vorteile in unsrer ach so aufgeklärten und zivilisierten Welt ? Ein Grund dafür liegt sicherlich darin, dass wir (so als Spezies, meine ich) gefühlsmässig seit der Steinzeit noch kaum oder gar nicht vorangekommen sind. Klar, man geht nicht mehr mit der Keule in eine Kneipe und haut einem Mädel, mit dem man sich paaren möchte, den Knüppel drauf und schleppt sie an den Haaren nach Hause. Das hat aber eher etwas mit allgemeinem gesellschaftlichem Konsens zu tun und weniger damit, dass dem ein oder anderen der Sinn tatsächlich nach einer solchen archaischen Aktion stünde. Daran können wir ja wohl nix drehen, ausser man würde es schaffen den Leuten operativ so im Kleinhirn herumzufahren, dass diese Urtriebe nie mehr zum Vorschein treten würde. Hmmm. Das einzige, was man machen kann (und meiner Meinung machen sollte), wäre, diesem ungedrosselten Konkurrenz- und Machtgehabe schon frühzeitig im Kindergarten und in der Schule Einhalt zu gebieten. Oder zumindest nicht so ungebremst zu fördern, wie es zur Zeit der Fall ist. Eine Mathematikaufgabe hat doch immer (sofern sie in der Schule gestellt wird) eine Lösung. Meistens irgendetwas Gerades. Wenn keine glatte Lösung herauskommt, dann ist doch was faul, oder ? So oder ähnlich verhält es sich mit den Aufgaben in der Schule. Und das bis in die Oberstufe des Gymnasiums hinauf. Da zählt es nicht mehr, wirklich im Kern zu begreifen, worüber man da sitzt sondern nur noch stromlinienförmig zur Lösung zu gelangen. Der, der zu langsam ist, ist das Arschloch. Was, wenn es so wäre, dass man sich nicht drauf verlassen könnte, dass die Lösung immer glatt ist? Dann sässen alle mit dicken Fragezeichen im Gesicht vor einer Aufgabe (nicht immer, aber hin und wieder mal). Dann wär es nicht mehr sofort klar, wer der Depp ist. Dann müssten sich die Kids auch mal zusammensetzen, was durch den Lehrer unterstützt werden sollte. So halt, dass jeder so ein bischen mal an der Arschkarte zieht, ohne es eigentlich zu wissen. Ist mir halt grad so eingefallen. (Feedback zum Autor) Kapitel: Ordnung ist das halbe Leben... ..., aber eben nur das halbe. Solange sie nicht zum Selbstzweck ausartet, ist alles noch im grünen Bereich. Wer mich kennt, der ist wohl von der Überschrift dieses Kapitels vollständig verblüfft, ich, der Paradechaot, der nicht mal unfallfrei von 1 bis zwanzig zählen kann (ist aber auch kein grosses Problem, da ich mir für solche banalen Dinge gerne mal mit einem Script behelfe:
BEGIN{
obere_grenze = 20;
for (i = 1;i<=obere_grenze;i++)
print i " (<-- jetzt sinds noch "obere_grenze-i" zu zählen)";
exit;
}
).
Nun ja, sei's drum, mir ist der Unfug halt eingefallen, weil ich heut an eine Grenze gestossen bin, die ich nur sehr selten erreiche:
Mir wurde mein eigener Saustall zu gross.
Das will was heissen (meine Lebensgefährtin kann das bestätigen, aber die hat's eh besonders schwer mit mir, weil sie nicht nur durchschnittlich ordentlich ist, sondern ausgesprochen darauf achtet, dass alles an "seinem" Platz ist. Vielleicht muss das auch so sein, sonst würd ich wahrscheinlich irgendwann in meinem Verhau "ersticken". Nicht, dass mir das was ausmachen würde, aber es macht das Leben doch manchmal leichter, nicht vollständig abgekoppelt zu sein von den Normen dieser Gesellschaft).
Egal. Ich hab heute meine Bankauszüge von irgendwann Mitte 2005 in einen Ordner gegeben und ich fühlte mich dann auch gleich viel leichter.
Das Zeug ist im Kasten und mich muss mich nicht mehr drum kümmern.
Ausserdem verhindert das, dass beim Lüften des Büros sich einer der Zettel auf die Reise begibt und Lieschen Müller aus dem Walfischweg 37 erfährt, dass ich mir 2004 beim Sport Sohn in Ulm einen Tennisschläger gekauft habe, der eh schon längst das Zeitliche gesegnet hat.
Darf sie ruhig auch wissen, ich erzähl ihr gern bei einer Tasse Kaffee, wie sich die ganze Geschichte zugetragen hat, wenn sie's wissen will.
Aber ein etwas ungutes Gefühl ist es dann doch, wenn so "intime" Daten über sich selbst wie Kontonummer o.ä. irgendwer in die Hände bekommt.
Das wiegt unterbewusst wieder sehr schwer im Rucksack, den Deine Seele zu tragen hat und dieses gilt es zu verhindern. Mir ist das zumindest wichtig.
Unsinnig vertane Stunden, die damit zugebracht werden, nach dem kompletten Bikeequipment zu suchen (für diesen speziellen Fall hab ich eine Lösung:
Alles immer im Rucksack lassen und NIE ausräumen).
Meine Mutter hat - trotz ihrer unvergleichlichen Langmut - ein einziges Mal einen Hass auf mich gehegt, der sie fast zu Mordgelüsten verleitete:
Ihr Sprössling (in diesem Fall ich,es gibt ja drei von der Sorte) hat sich für 6 Monate zum Praktikum nach Australien verzogen und liess seine Bude im Elternhaus natürlich unaufgeräumt zurück.
Irgendwann während meiner Abwesenheit nahm sie sich ein Herz und fräste sich mit der Präzision eines Archäologen durch diesen Dschungel aus irgendwelchen zusammengeknüllten Blättern, Abiturzeugnissen, Kontoauszügen (da sind sie wieder!), Liebesbriefen, Fotos von Saufgelagen, Büchern, Bröseln, Elektronikteilen und was weiss ich nicht alles.
Das letzte Teil - ich übertreibe nicht: es war wirklich das ALLERLETZTE TEIL, DAS SIE FAND war eine Scherzkarte im Scheckkartenformat auf dem stand:
"Genies beherrschen das Chaos, nur kleine Geister halten Ordnung".
Meine Mutter ist ansonsten ein sehr rationaler Mensch, aber in diesem Moment war sie vollkommen davon überzeugt, dass ich wohl irgendwo am Ayer's Rock bei den Aboriginie-Schamanen sass und ihr via Voodoo diesen üblen Streich spielte.
Ab in Oberstdorf, Langenwang Richtung Rohrmoos/Sibratsgfäll. Schweineheiss, aber schön hinterm Hohen Ifen vorbei. Der Blick in den Bregenzer Wald von oben (1400 m) war wunderbar. Aber als wir uns dem Tal (nahe Au) näherten, fing der Teer in den Kehren an zu schmelzen. 37 Grad im Schatten und noch 1000 Höhenmeter vor uns.
Ich schob dann das Rad einfach mal. Zu Fuss geht's noch lang, auch wenn Du schon lange vom Bock fällst.
Harry hat's durchgekurbelt, aber bei mir war Schicht über 10 % Steigung. Egal, da darfst Du dann einfach nicht mehr denken.
Aber schön war's auch irgendwie. Am Faschinajoch hielten wir kurz an, um in 2 Sekunden eine Pizza und 5 Almdudlerschorlen zu verdrücken.
Von dort an ging's nur noch bergab ins grosse Walsertal.
Dachten wir.
Kurz vor Sankt Gerold, ging's nochmal 200 Höhenmeter bergan, da hat mich die Lust am Radfahren für kurze Zeit verlassen.
Durfte sie auch, nach zurückgelegten 2,2 km vertikal und 80 km horizontal und dass bei sahara-ähnlicher Hitze.
Aber interessant. Man schafft das dann doch und danach schmeckt das Weissbier umso besser.
An und für sich hatten wir noch vor, bis nach Nenzing zu fahren (von Sankt Gerold noch ca. 15 km, nur bergab), aber ich war diesbezüglich schon etwas verärgert, weil ich von Au aus die Touristeninformation anrief und mich eine Frau Dünser bat, sie kurz vor 18 Uhr nochmal zurückzurufen, falls wir sicher wären, dass wir auch in Nenzing
ankommen. Doch hatte ich beim zweiten Anruf nur noch mit Ihrem Anrufbeantworter das Vergnügen.
Das war richtig Dirty Nenzing, dachte ich mir und ich hatte wirklich keine Lust mehr, dorthin zu fahren.
Ich musste Harry nur ansatzweise überreden, an der nächstbesten Pension stehen zu bleiben und Quartier zu machen.
Das Essen und das Weissbier waren gut und wir dachten nur sehr kurz daran, uns ein Taxi zu bestellen, das uns nach Bludenz zu einer Tanzhalle fahren sollte.
Harry hat noch den Rhythmus zu "Rhythm is a Dancer" im Radio mit dem Fuss markiert, aber ich blieb davon völlig unberührt.
Er hat sich noch unter die Eingeborenen gemischt und ich hab den ORF1 Teletext auswendig gelernt, bis ich eingeschlafen bin ...
2. Tag :
Halali! Auf geht's zur zweiten Etappe. Ich fühlte mich sehr wohl - den modernen Nahrungszusatzmitteln sei Dank! - , keine Krämpfe, kein sonstiger
Muskelschmerz, auch sonst kaum Beschwerden (ausser im Analbereich, aber dieser sollte in den kommenden Tagen noch mehr strapaziert werden).
In Nenzing (500 m ü.M.) angekommen ging's auch gleich wieder steil bergauf, Piste bis zum Mattlerjoch (1850 m ü.M.).
Anstrengend und heiss war es wie am Tag zuvor, doch kamen wir an diesem Tag schnell auf die Höhe und somit war die Hitze erträglich.
Die Einkehr auf der Gampenalpe war wunderbar. Von hier aus ging es gemässigt steil bis zum Mattlerjoch, Schiebepassage von 30 min inklusive.
Schon wieder hat mich die Kraft verlassen und ich kam beim Schieben nur noch schleppend voran.
Der Vorteil dabei war, dass ich diesen Zustand der völligen Kraftlosigkeit schon vom Vortag kannte und diesen sogar mit viel Humor nahm. Somit konnte ich auch ohne Reue und ohne Furcht vor dem weiteren Verlauf der Etappe (wir hatten schliesslich erst 1300 Höhenmeter absolviert und noch ca. 1000 vor uns) die Landschaft geniessen, die hier wahrlich grandios war und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit jetzt noch ist.
Herrlich, dort oben!
Die Abfahrt nach Steg in Liechtenstein war sehr angenehm, was wir mit einer Portion fettiger Rösti und 4 Apfelsaftschorlen feierten.
Zur Pfälzer Hütte waren es nunmehr nur noch ca. 900 Meter nach oben, aber das ging dann wieder flott und lustig.
Bei der Auffahrt kam uns ein Pärchen entgegen und der weibliche Teil desselben spürte wohl unsere ausgelassene Stimmung und hat uns ohne Umschweife angequatscht.
Es soll ja Mädels geben, die so unendlich verschwitzte, stinkende, radfahrende Deppen wie uns erotisierend finden...
Sachen gibt's. Naja, wir kurbelten fröhlich weiter und dachten uns, dass ihr Macker die Aktion wohl gar nicht lustig fand und schmunzelten in uns hinein.
Die Hitze des Tages hat sich gnädig gezeigt und uns einen wundervollen Abend auf 2150 m über dem Meer beschert.
24 Grad Celsius um 19 Uhr auf deutlich über 2000 Metern Höhe mit einer wundervollen Aussicht ist ein Genuss der Extraklasse...
Spaghetti mit Tomatensauce ist ein Feinschmeckermenu nach so einem Tag, kann ich Euch sagen....
Abends hatten wir es dann noch richtig lustig, eine Liechtensteiner Mama (die ursprülich aus Sachsen (!) kommt) war mit ihren zwei Kindern , Enrico(8) und Milaine(5) zugegen.
Den beiden war furchtbar langweilig, bis sie uns zwei grosse Kinder entdeckt haben.
Wir machten allerlei Faxen und sassen auch nach Sonnenuntergang noch am Tisch in der Hütte zusammen, abschliessend haben sie uns zu ihren Lieblings Teddybären gewät...
Danach haben sie sich noch an uns hingekuschelt und wir fühlten uns so rundum wohl, im Bewusstsein, was für sich selbst getan und zwei Kindern eine grosse Freude gemacht zu haben.
3. Tag :
So ganz leicht memmenhaft kamen wir uns heute schon vor, weil wir die Etappe vom Vortag nicht zu Ende brachten und heute eben den "Rest" vom Vortag erstmal bewältigen sollten/mussten/durften/wie-auch-immer.
Die Bedenken haben sich aber ziemlich schnell gelegt, weil wir einsahen, dass eine Etappe von 3200 Höhenmetern und 100 km Strecke eher Wahnsinn als eine sportliche Geschichte ist, zumal ein gutes Stück davon zu schieben war.
So fuhren wir vor uns hin erstmal 400 m in die Höhe nach Muldain oberhalb der Albulaschlucht, danach genau so viel wieder hinunter und dann wieder auf der Strasse 1000 Höhenmeter über Mutten bis nach Obermutten.
Das war die Endstation des Vortags.
Hätten wir diese Etappe schaffen wollen, wären wir bis 2 Uhr morgens unterwegs gewesen.
18 Stunden unterwegs an einem Tag ist halt doch sehr viel. Zu viel. Und sowas macht mir keinen Spass mehr, Harry schloss sich meiner Meinung an und als wir da im Gasthof zur Post in Obermutten sassen, malten wir uns aus, wie es nun wäre, weiter zu fahren und diesen wunderschönen Ort so ohne ihn eines längeren Aufenhalts zu würdigen hinter uns zu lassen.
Wieder hinunter ins 35 Grad heisse Hinterrheintal und versuchen den "Rückstand" aufzuholen?
Wo es hier an gutem Essen, fantastischer Aussicht und endlosen Weissbiervorräten nicht mangelte?
Nein. Aus. Rad festgezurrt, Quartier gemacht und Weissbier bestellt.
14:38 Uhr, blauester Himmel und 28 Grad auf 2000 m.
Hier war die Tour zu Ende für diesen Tag.
Unseren Reservetag haben wir hiermit verbraten.
Und gut war das!
Wir gingen natürlich nicht sofort zu Bett, wie zwei streunende Hunde zogen wir um die Häuser, besuchten die Holzkapelle (die höchstgelegene Europas) und stiegen noch die paar Meter bis zum Muttner Höhi, wohl einer der schöneren Aussichtspunkte, die ich in meinem nicht mehr ganz so jungen Leben betreten habe.
Da oben, so ganz allein, verspürte ich einen unwiderstehlichen Drang, meinen schon sehr mitgenommenen Arsch an die frische Luft zu setzen. Welch erhebendes Gefühl, solch einen Ausblick so ganz ohne müffelnde, triefend nasse Radkleidung zu erleben...
Wohl dem, der seinen Reservetag maximal lustbringend einsetzt! Mit frischem Mut fängt die Tour an diesem Tag mit einer wunderbaren Abfahrt an.
Das hintere Hinterrheintal liegt unter uns, an dessen Ende geht nach rechts ab die Autobahn Richtung Italien über den San Berardino nach links unsere Route: Die Via Mala nach Avers-Juf, der höchstgelegenen, ständig bewohnten Ansiedlung Europas (eigentlich will so ein Prädikat gar nichts heissen und dann auch noch darauf stolz zu sein, in diesem traurigen Nest zu wohnen, finde ich sehr merkwürdig).
Der Downhill war herrlich und die 40 km Strasse, die wir danach gestärkt vom Vortag recht fix zurücklegten, auch nicht so schlimm, zumal die Tiefblicke in die Roflaschlucht atemberaubend waren.
Tja, das war's eigentlich schon von der 5. Etappe nach mickrigen 1300 Höhenmetern.
Ausreichend Zeit zum Ausspannen, dumme Sprüche abzulassen und sich angesichts der unheimlichen Stimmung in Juf zu gruseln. Wie eigenartig das war. Das Wetter wunderbar, nur ein paar Wolken, die sehr unglaubwürdig drohten, sich zum Gewitter zu entwicklen, die Landschaft karg, aber schön, Murmeltierpfiffe von allen Seiten und trotzdem.
Trotzdem, trotzdem. Ein ungemütlicher Geist ging um, Harry ging es genau so. Massengrab, Opferstätte, alles zusammen, irgendwas in diese Richtung ...
Vielleicht hatte uns auch die Sonne schon unser Hirn aus dem Schädel gebrannt und liess uns diesen Schauer über den Rücken laufen.
Vielleicht war's auch das Massenlager der Pension Edelweiss im Keller, der eher einer Folterkammer als einer Schlafkammer ähnelte...
Doch so schlimm war's dann doch nicht. Etwas Bier und einige dumme Sprüche später war das alles nicht mehr so unangenehm und wir hatten abends schon noch zu lachen, und vor allem viel zu essen, da die Herbergsmutter Erbarmen mit uns hatte und uns - ohne Aufpreis - das Menu zweimal servierte...
Und danach? Ab ins Bett mit den zwei Deppen...
6. Tag :
Der letzte Tag ist angebrochen. Und wie bestellt haben sich die Wolken der Nacht rechtzeitig zum Frühstück verzogen. Eine wunderbare Kulisse aus Bergen, die wie gigantische, gras- und mossbewachsene Burgmauern um uns herum in den dunkelblauen Himmel ragten.
Wir radelten leichten Mutes den Sentiero Walser entlang, nur 10 Minuten, danach ging's im Schneckentempo mit geschobenem Rad eineinhalb Sunden hinauf zur Forcellina, dem höchsten Punkt unserer Tour, 2672 m.
Wir genossen den Ausblick, schossen noch ein Foto mit dem Handy und mussten das umgehend unserem treuesten Fan, dem Jens Bergmann, per MMS zuschicken.
Wir hatten das Gefühl als wäre er im Geiste in den vergangenen Tagen immer bei uns gewesen. Und wenn er nicht Lehrer und ein bisschen mountainbikescheu wäre, hätten wir wohl einen Mitfahrer mehr gehabt.So hat er sich darauf konzentriert, uns moralisch von Ferne zu unterstützen.
Naja, wieder zurück zur Tour: Von der Forcellina abwärts ging's zum Septimer Pass (dort war ich vier Jahre zuvor schon mal gewesen, auch auf Alpenüberquerung, aber etwas sanfter als dieses Mal) und von dort steil hinunter ins Bergell. Casaccia, Chiavenna (schönes Städtchen übrigens) und weiter auf der Strasse nach Gravedona am Comer See.
Schon ein bischen stolz setzten wir uns in die nächste Kneipe am Seeufer und genossen unser Zielbier.
Jetzt nur noch rauf auf's Boot und ab nach Como.
So hatten wir uns das vorgestellt.
Leider nahm uns das Boot mit den Bikes nicht mit. Wir fragten bei der Touristeninformation, wo wir die Auskunft bekamen, in Menaggio, 15 km seeabwärts, nähmen uns die Boote mit.
Jetzt war's auch schon egal 85 oder 100 km auf dem Rad. Ab nach Menaggio und wieder eine Abfuhr am Bootsticketverkauf. Schnauze voll. Die 40 km nach Como wollten wir nicht mehr auf dem Rad an der Küstenstrasse zurücklegen. Wir stiegen mit den Rädern in den Bus ein, der Busfahrer war sauer, dass wir am Tabakladen keine Tickets gekauft haben und liess mich auf kurzem Umweg durch die Stadt aussteigen und ein Ticket lösen.
Jetzt war er sauer und fuhr mit seinem Bus wie ein Schwein. Auch nicht schlecht, so hat er die durch uns verursachte Verspätung locker wieder reingefahren. Ich Dhab nicht aufgepasst, wen und was er alles auf seinem Höllenritt alles gefährdet hat, aber da war sicherlich einiges ....
Absatz: ... und was ich eigentlich über die Radtour schreiben wollte
Jetzt - also einige Zeit, nachdem ich die Tourbeschreibung zu Ende brachte - will ich die Tour aus einem anderen Blickwinkel beschreiben.
Ich hatte dies gleich zu Anfang an vor, aber ich musste mich erstmal einige Zeit über die oben stehende Geschichte freuen.
Das Feedback war sehr positiv, ich denke, einige Leute habe ich auch mit der Idee, sich auf dem Drahtesel über die Alpen zu quälen, angesteckt: Stefan und Frank haben's gleich in die Tat umgesetzt und fahren jetzt dann im September 2007 von Oberstdorf nach Riva del Garda auf der klassischen Heckmair-Route.
Naja, erstmal abwarten, bis sich der Schneefall legt und die Nullgrad-Grenze sich (von unten) auf die 2000 m zubewegt.
Egal, ich schweife ab.
Der Gedanke hier ist: Viel arbeiten, dabei das Maul halten und sich danach ein Stück weit über das Geleistete freuen, sich angemessen belohnen. Überlade Dich nicht, sonst gehst Du dabei drauf. Aber unterfordere Dich auch nicht.
Zuviel ist Deines Körpers Tod, zu wenig Dein (schleichender) geistiger Exitus.